15 Jahre »Chursachsen« - Das Geburtstagsinterview:

Seine Person ist unabdingbar mit der Gründung der Chursächsischen Veranstaltungs GmbH (CVG) verbunden und auch ein Garant für den immensen Unternehmenserfolg. Wir laden den Geschäftsführenden Intendanten GMD Florian Merz zum großen Geburtstagsinterview:

Sehr geehrter Herr GMD Merz, Sie plädieren als streitbare Person seit Jahren auch immer für ein klares Realitätsbewusstsein in Politik, Kultur und Gesellschaft, auch wenn dies oft unbequem erscheint. Daher unsere Frage in Zeiten wie diesen: Was sind die entscheidenden Risikofaktoren bzw. Herausforderungen für die nächsten 15 Jahre CVG?

Die größten Risikofaktoren sehe ich in naher Zukunft in deutlich schnelleren, gesellschaftlichen Veränderungen aufgrund vieler Faktoren. Dies betrifft u.a. Demographie, Bildung u.v.m. aber vor allem zwangsläufige Anpassungen unserer gewohnt-gelebten Standards. Deutschland und auch dem Vogtland/Sachsen geht es seit langem relativ gut, darum sehen wir meines Erachtens oftmals nicht die relevanten Änderungsnöte. Doch durch die Digitalisierung, Globalisierung und die Nöte in der Welt ändern sich weltweit - wohl oder übel - die grundlegenden Rahmenbedingungen rasant. Viele Menschen kommen da kaum mehr mit. Das kann und wird an uns nicht spurlos vorübergehen! Wir brauchen endlich ein nüchternes Realitätsbewusstsein, müssen manche Mythen endlich durch Fakten ersetzen, um zeitgemäß aus vermeintlichen Risiken zukunftsorientierte Chancen zu entwickeln – solange wir noch eigenständig gestalten können! Der Ausspruch von Michail Gorbatschow »Wer zu spät kommt, den bestraft das Leben« ist heute gültiger denn je. Aktuell gibt es gerade in Europa mehr Fragen als Antworten, mehr Trennungsperspektiven denn Einheit. Das ist eine große Aufgabe und Chance für die Kultur insgesamt. Kultur muss sich entstauben, mehr aufklären, aktiv vermitteln, positiv motivieren und verbindend wirken. Wenn das gelingt, hat die Kultur wieder eine unique gesellschaftliche Relevanz! Vor diesem Hintergrund warten auch auf die CVG große Herausforderungen, gerade hier in der EUREGIO EGRENSIS.

In diesen Tagen feiern Sie zusätzlich zu 15 Jahren CVG auch noch 25 Jahre Bad Elster, Ihr 35-jähriges Dirigentenjubiläum und Ihren 50. Geburtstag. Bei einem Blick auf ein halbes Jahrhundert Lebenszeit, wie prägend war und ist dabei diese »Bad-Elster-Ära« für Ihre ganz persönliche Entwicklung?

Ich bin längst »Düsseldorfer Vogtländer« – und umgekehrt! Natürlich haben mich diese 25 Bad-Elster-Jahre persönlich geprägt. Die Begegnungen mit den vielen tollen Menschen und deren Traditionen, aber auch die besondere Landschaft. Das insgesamt sehe ich als eine sehr wichtige, vielfältige Bereicherung sowohl für mein berufliches Wirken als Geschäftsführender Intendant bzw. Unternehmer in einem international wirkenden Medienkonzern, als auch für meine künstlerische Entwicklung und mein Privatleben. Kurz: Das Kleinod Bad Elster und das ländlich geprägte Vogtland mit den hier lebenden Menschen bereichern mich nach wie vor enorm - Danke! Aber es ist eben auch wichtig, dass ich oft auf vielen Ebenen »draußen« agiere, um für das Vogtland zu werben und zu begeistern, aber auch um neue Ideen hierhin, ins Herz Europas zu tragen.

Herr GMD Merz, als Dirigent, Intendant und Geschäftsführer begeben Sie sich mit Ihrer CVG täglich äußerst erfolgreich auf den schmalen Grad zwischen künstlerischem Ausdruck, Publikumserfolg und wirtschaftlichen Handlungsspielräumen. Hand aufs Herz: Wo liegt hier die wahrlich größte Kunst?

Die große Kunst bestand von Anfang an darin, gerade mittels eines dynamischen Kulturkonzeptes in einer anfangs doch eher starren Struktur innerhalb der Region der Sächsischen Staatsbäder realistische Potentiale zu entwickeln und erfolgreich umzusetzen. Vor allem unter der Berücksichtigung der größten Risiken, aber eben auch der größten Chancen! Unser Motto war dabei immer: Der Tradition verbunden, aber der Zukunft verpflichtet! Ein kontinuierlicher und konsequent verfolgter Weg trotz wechselnder Rahmenbedingungen war hier oftmals wirklich große Kunst – eine schwierige, aber letztlich schöne Partitur …

In 15 Jahren gab es viel Erfreuliches, aber es gibt doch sicherlich auch Momente, die man schnell hinter sich bringen will. Erlauben Sie uns die Frage: Was beurteilen Sie persönlich als schwierigste Phase der 15-jährigen Unternehmensgeschichte?

Unsere gute Entwicklung zum Wohle der Region hatte zum Glück sehr wenige schwierigere Phasen. In enger Abstimmung mit unseren Gesellschaftern, der Sächsischen Staatsbäder GmbH und der Stadt Bad Elster, konnten oftmals Probleme frühzeitig erkannt und gelöst werden. Unschöne Diskussionen gab es – leider – aufgrund von Neid einiger vermeintlicher Mitbewerber und deren öffentlicher, »besonderer« Kommunikation, aber auch durch politisch-motivierte Ungerechtigkeiten außerhalb Bad Elsters in den Anfangsjahren. Sehr schwierig gestaltete sich auch die Zusammenarbeit mit dem Denkmalschutz. Fehlendes Gespür für gästeorientiere Entscheidungen, zeitgemäßen Service und hemmende Bürokratie hätten hier beinahe die Wiederbetreibung des König Albert Theaters und später des NaturTheaters verhindert. Unvorstellbar und unverantwortlich! Aber: Das kalkulieren wir ein und das kann uns nicht umhauen!

Die Menschen um Sie herum wissen, Sie sind ein großer Sammler besonderer Anekdoten und skurriler Begebenheiten Ihres beruflichen und persönlichen Alltags. Welche Ereignisse in 15 Jahren CVG wären dabei unbedingt Teil einer – vielleicht zukünftigen - Autobiographie?

Ich habe sehr vieles erlebt, zum Lachen und Schmunzeln – aber auch zum Weinen. Davon möchte ich aber nichts missen! Aber sehr lustig war z.B. die Eröffnung des »Sächsischen Bademuseums Bad Elster« im Jahr 2009: Erst hatte uns der damalige Landrat die Eröffnung aus unerklärlichen Gründen kurzfristig eigenwillig abgesagt und »allmächtig« die damalige Sächsische Staatsministerin für Soziales und Schirmherrin, Christine Clauß, ausgeladen. Wenige Stunden später erschien diese – nichts wissend – bei unserer Eröffnung. Und statt dem Landrat erschienen seine beiden Stellvertreter – beide voneinander nichts wissend von ihm selbst beauftragt - mit jeweils eigenem Dienstwagen, Blumen, Eröffnungspräsent und Rede … Vergelts Gott! Zu besonderen Erinnerungen gehören aber natürlich auch manch »besondere Geschichten« bzgl. der Sanierung des König Albert Theaters und des NaturTheaters sowie nicht alltägliche Künstlerbegegnungen ... Aber das wird jetzt noch nicht verraten!

Herr Merz, die CVG steht im Grunde genommen kurz vorm Eintritt in die Volljährigkeit bzw. mitten in der Pubertät. Wie würden Sie den derzeitigen Entwicklungszustand der CVG beschreiben, wenn Sie es mit einem Werk der Klassik beschreiben müssten?

Als eine »neue« Oper, die gut strukturiert, komponiert, instrumentiert und inszeniert künstlerisch überzeugt, dabei durch »frische« Musik und große Emotionen wie Herzenswärme, Mystik, Freude generationsübergreifend begeistert, aber auch auf der geistigen Ebene »zum Nachdenken« anregt: Also eigentlich wie »Hänsel und Gretel« von Engelbert Humperdinck … in einer witzigen, temporeichen und unterhaltsamen Inszenierung!

Die CVG ist auch Dank der durch Sie maßgeblich geprägten strategischen Ausrichtung mittlerweile nicht nur der kulturtouristische Leitbetrieb der Kultur- und Festspielstadt Bad Elster, sondern auch ein ausstrahlender Leuchtturm und moderner Impulsgeber für die ganze Musik- und Bäderregion im Herzen Europas. Wie wichtig ist Ihnen diese Funktion, gerade auch innerhalb Ihres Tageswerks als erfolgreicher Kulturmanager?

Die CVG ist 2002 gegründet worden, um primär zu gestalten und nicht zu verwalten. Das funktioniert in heutiger Zeit nur mit einer auf tatsächlicher Kompetenz basierenden Vision und Konzeption in Bezug auf die regionale Wertschöpfung. Nur diese strategische Weitsicht ermöglicht den gemeinsamen Erfolg zum Wohle unserer Region! Daher ist diese regionale impulsgebende Funktion für mich ein entscheidender Motor und wichtiges Handlungsfeld, gerade auch beim Aufbau eines verbindenden Netzwerks mit relevanten Partnern. Dabei gilt: Die Klasse ist ausschlaggebend, nicht die Masse.

Apropos Netzwerk: Ein wirklich spürbarer Kern Ihres Unternehmens ist eine breit gefächerte, offene und fokussierte Netzwerkpolitik. Egal ob renommierte Kulturinstitution, regionale Gesellschaftsvertreter oder kleine Vereine und Amateurensembles - Sie bereiten vielen Menschen in Bad Elster eine Bühne. Was genau bezwecken Sie mit diesem immer wahrnehmbaren, kooperativen Kulturansatz?

Nur durch eine fokussierte Netzwerkpolitik können wir es schaffen, die wahren Stärken und Potentiale unserer Region zu heben – insbesondere im Tourismus! Ohne entsprechendes Netzwerk und passende Synergien wird das Obere Vogtland im hart umkämpften Tourismusmarkt nicht wahrnehmbar werden. Doch mit verknüpften Qualitätsprodukten, gebündelter Kompetenz und einer klaren Botschaft können wir in Zukunft viel erreichen. Auf Basis unserer kulturtouristischen Strategie sehen wir hier zukünftig wichtige, verbindende Handlungsfelder unserer Gesellschaft. Wir – bzw. die sog. Kultur auch anderswo, dürfen nicht zum Selbstzweck – systemrelevant - da sein, sondern relevant für das System!

Zum Abschluss natürlich die logische Zukunftsfrage: In 15 Jahren stehen Sie eigentlich kurz vor der Rente. Wo sehen Sie Ihre »Chursachsen« dann, damit Sie in 15 Jahren zu Recht sagen können: Ich habe keine Zeit für die Rente!?

In 15 Jahren ist die Tätigkeit der »Chursachsen« die touristische Plattform im Herzen Europas. Neben einem international beachteten Kulturprogramm auf den glänzenden Bühnen der Kultur- und Festspielstadt Bad Elster begeistern die chursächsischen Festivalreihen ein internationales Publikum für die ganze Musik- und Bäderregion. Das König Albert Theater ist dabei ein inspirierender Quell klassischer, mitteldeutscher Kultur mit einem umfassenden Spielplan aller Genres. Das NaturTheater im Waldpark ist die Eventlocation des Oberen Vogtlands in den Sommermonaten und besonders beliebt bei jungen Familien. Die Chursächsische Philharmonie als Orchester und Botschafter der EUREGIO EGRENSIS spielt große Konzerte in den schönsten Kirchen, Schlössern und touristischen Orten der ganzen Region und ich persönlich freue mich jedes Jahr auf die Chursächsischen Festspiele, die mittlerweile zu einem wichtigen Treffpunkt der ganzen Gesellschaft in Mitteldeutschland geworden sind. Dabei bin ich gedanklich schon wieder in der Planung für die Spielzeit 2033/2034 und habe keine Zeit ans Aufhören zu denken, denn es macht mir alles immer noch unglaublich viel Freude!!!! :-)

In diesem Sinne, eine freudige Zeit!
Herr Merz wird danken Ihnen für das Gespräch.