Das Spielzeit-Interview 2019/2020

GMD Florian Merz im Gespräch

Sehr geehrter Herr GMD Merz, der neue Spielplan bespielt bis August 2020 die vielzitierte »Festspielmeile der kurzen Wege« in Bad Elster in umfassender Vielfalt. Wie definieren Sie dabei als Intendant den »roten Faden« der Programmatik?

In unseren sieben historischen Veranstaltungsstätten führen wir jährlich insgesamt rund 1.000 Veranstaltungen für rund 250.000 Menschen durch. Dabei ist unser »roter Faden« vor allem ein Qualitätsdreiklang, der sich aus der Location, dem Besucher- & Ticketservice und natürlich dem Veranstaltungserlebnis selbst erschließt. Diese besonderen Kulturpakete werden dann innerhalb unserer vielen Events und thematischen Festivals immer neu »geschnürt«, was uns eine zeitgemäße Zielgruppenansprache ermöglicht. Unsere Abonnenten beispielsweise erleben so spartenbezogen jährlich wechselnde, spannende Themenschwerpunkte, die oft Zeitgeschichte im Zeitgeist spiegeln.

  • Der Dirigent als Musiklehrer:
    Das Opernhaus Bad Elster macht Schule!

Apropos Zeitgeschichte: Im November feiert die CVG auch in Bad Elster in einer Gedenkwoche das Jubiläum zu 30 Jahren friedlicher Revolution. Als Düsseldorfer pendeln Sie seit über 27 Jahren zwischen West und Ost. Welche Bedeutung hat dieses Jubiläum heute aus der Sicht eines Westdeutschen?

Ich glaube letztlich für Westdeutsche allgemein eine deutlich geringere als für Ostdeutsche, da sich im Westen dadurch relativ wenig veränderte. Auch heute, 30 Jahre nach der Deutschen Wiedervereinigung, wissen leider viele aus dem Westen über Ostdeutschland zu wenig und wollen das auch nicht ändern. Der Geist der friedlichen Revolution 1989 hätte aus meiner heutigen Sicht stärker und bewusster den doch langen Einheitsprozess gestaltend beeinflussen müssen. In der Akzeptanz und im grundlegenden Verständnis unterschiedlich verlaufender Demokratieprozesse sind auch Fehler gemacht worden, auf beiden »Seiten«. Für mich persönlich hat diese Revolution aber den Vorhang geöffnet in eine weitere liebens- und lebenswerte Heimat mit tollen Menschen, aus denen viele gute Freunde geworden sind. Darum bedeutet für mich persönlich dieses Jubiläum heute auch sehr viel.

Mit der Wiedereröffnung des NaturTheaters als moderne Open-Air-Arena im Jahr 2018 und der gerade beendeten, äußerst erfolgreichen Folgesaison 2019 hat das ehrwürdige König Albert Theater fast ein bisschen Konkurrenz bekommen. Welche Profile sind Ihnen hier in der Ausrichtung der beiden Häuser wichtig?

Mit seinem ganzjährigen Spielplan verschiedener Genres ist das König Albert Theater nach wie vor das kulturelle und gesellschaftliche Zentrum Bad Elsters und der Region. Das NaturTheater hingegen ist ein reiner Saisonbetrieb, der mit besonderen Sommerevents in stilvollem Open-Air-Ambiente auch immer ein neues, legereres, oft auch jüngeres Publikum begeistert. Auf der einen Seite also die Musik- und Theaterkunst an der Schnittstelle von Hochkultur und niveauvoller Unterhaltung, auf der anderen Seite moderne Liveevents für breitere Zielgruppen. Dieser doppelte, auch imageprägende Zielgruppenradius mit Multiplikatorfunktion stärkt vor allem auch den Aufenthaltsort Bad Elster zum Wohle der Region!

  • Zwischen Kunst & Management: GMD Florian Merz backstage aber vor der Kamera!

    Zwischen Musik, Kultur & Management:
    GMD Florian Merz "backstage" vor der Kamera!

Ihre große Leidenschaft gilt der Musik, insbesondere der Symphonik und des Musiktheaters. Als Generalmusikdirektor sind Sie der Maestro der Kultur- und Festspielstadt. Nun feiert die Musikwelt und natürlich auch Bad Elster 2020 weltweit das große Beethoven-Jahr. Wie wichtig ist Ihnen dieser Komponist und auf welche Jubiläumsveranstaltung freuen Sie sich ganz besonders?

Beethoven fasziniert mich schon mein ganzes Leben durch den sehr starken Ausdruck in seiner Musik. Kaum ein anderer Komponist besitzt diese besondere, auch über die Musik hinausgehende Kraft, die das scheinbar Unmögliche doch möglich zu machen scheint: Ein nahezu tauber Mensch komponiert dabei besser als die meisten Hörenden! In diesem Sinne freue ich mich ganz besonders auf seine Freiheitsoper »Fidelio« an zwei geschichtsträchtigen Daten unserer Jubiläumsspielzeit: 2019 werden wir das Werk am 30. Jahrestag des Mauerfalls und 2020 anlässlich der Beendigung des 2. Weltkrieges vor 75 Jahren in Bad Elster aufführen.

Als Geschäftsführer, Intendant und GMD leben Sie ja bekanntlich mit Ihrem Team nicht nur künstlerische Visionen, sondern verbinden damit auch einen gesellschaftlichen Auftrag. Ganz praktisch: Wo sehen Sie in Ihren Funktionen hier mit den Chursachsen entscheidende Handlungsfelder, um positive Impulse einer offenen Gesellschaft zu fördern?

Wir als »Chursachsen« agieren hier in unserer Arbeit als Veranstaltungsgesellschaft und Philharmonie nicht zum Selbstzweck, sondern möchten viele Menschen aus nah und fern mit besonderen Kulturerlebnissen emotional berühren, begeistern und binden. Gerade in der Stringenz dieser Arbeit verbinden wir so nicht nur die Menschen untereinander, sondern auch mit der Region. Damit setzen wir wesentliche Impulse für die kulturtouristische Entwicklung, leisten einen Beitrag zur Erhöhung der Lebensqualität sowie der kulturellen Bildung für alle Generationen und sind eine wichtige Identifikationsfläche der Musikregion Vogtland. Mit einem aktiven Netzwerk befindet sich unser breites Angebot somit in einer ständigen Wechselwirkung der Tourismus- und Kulturwirtschaft und erzeugt eine Umwegerentabilität, die letztlich der gesamten Regionalförderung dient. Dazu senden wir auch durch künstlerische Diskurse ganz bewusst aktive Signale für Toleranz, Weltoffenheit und Demokratie, was das Herz Europas sehr oft pulsieren lässt.

Dank der »Chursachsen« mit Ihnen an der Spitze hat sich die CVG in der Kultur- und Festspielstadt auch aus externer Sicht wirtschaftlich, quantitativ und qualitativ einzigartig entwickelt. Was wünschen Sie sich im nahen und entfernteren Umfeld, um diese nie einfache Entwicklung konsequent weiter fortschreiben zu können?

Unser Chursachsen-Team ist aus der hart erarbeiteten Kompetenz heraus organisch gewachsen und agiert kulturell und unternehmerisch erfolgreich. Darüber sind wir natürlich sehr froh! Unser strategisches Ziel ist aber immer der gemeinsame, dauerhafte Erfolg vor Ort und für die Region. Um diesen erfolgreich gestalten zu können, sollten neue Qualitätsmaßstäbe insgesamt neben unseren Stammgästen auch neue Gäste- bzw. Kundenklientel begeistern. Dies kann zukünftig nur in einer konstruktiv-professionell umgesetzten, gemeinsamen Strategie für Produktmanagement und Vermarktung aller relevanten touristischen Top-Dienstleister der Region gelingen. Daher wünsche ich mir, dass uns dies erfolgreich gelingt. Bad Elster als zentrale und verbindende Destination hat dafür alle Voraussetzungen!

Herr GMD Merz, wir danken Ihnen für dieses Gespräch.