Das Spielzeit-Interview 2020/2021

GMD Florian Merz im Gespräch

Sehr geehrter Herr GMD Merz, der Blick auf die neue Spielzeit ist natürlich umfassend geprägt von den aktuellen Herausforderungen aufgrund der weltweiten Auswirkungen der Corona-Pandemie. Wie bewerten Sie als Geschäftsführer die Situation für einen weiterhin erfolgreichen Veranstaltungsbetrieb in Bad Elster?

Die Corona-Krise hat signifikante Auswirkungen auf alle Lebensbereiche. Nach über 17.000 »pausenlosen« Veranstaltungen seit CVG-Gründung 2002, einem Rekordjahr 2019 und einem hervorragenden Start in 2020 mussten wir am 13. März 2020 unseren Veranstaltungsbetrieb binnen weniger Stunden zu 100 Prozent für Wochen unverschuldet herunterfahren. Solch ein Krisenmanagement ist eine besondere Herausforderung. Wir Chursachsen haben diese trotz schmerzlicher Einbußen aktiv angenommen und zukunftsorientiert weitergearbeitet, denn »Corona« wirkt strategisch wie operativ wie ein Brennglas: Operativ zwang uns die Pandemie zu neuen Erfordernissen, die u.a. gerade digitale Prozesse beschleunigten. Strategisch hingegen gilt es jetzt die Weichen für neue Zukunftsmärkte zu stellen, die beste Chancen ermöglichen, um erfolgreich zu bleiben.

  • Arbeit als Bühne:
    Der Intendant für ein Theater im Spiegel der Zeit

Als Dirigent waren Sie ja auch künstlerisch von Anfang an direkt und unmittelbar von den Auswirkungen der Pandemie betroffen. Gestatten Sie uns einen Einblick in das Innenleben eines Musikerherzens: Wie schwierig und einschneidend war diese Situation für Sie aus ganz persönlicher Sicht?

Ich dirigierte noch am 11. März meine Generalprobe zur romantischen Oper »Der Vampyr« an den Landesbühnen Sachsen in Radebeul. Zwei Tage später ging nichts mehr - Lockdown! Seitdem ich 15 Jahre alt bin,
habe ich noch nie so lange eine dirigentische Abstinenz ausgeübt! Natürlich bekommt man da Entzugserscheinungen, man leidet mental, seelisch und sogar auch körperlich. Anderen Dirigent*innen- und Musikerkolleg*innen, gerade auch unseren Chursachsen-Musiker*innen, ging es übrigens ebenso. Es fühlt sich an wie ein unverschuldetes »Berufsverbot«, auf dessen Aufhebung man sehnsüchtig wartet. Aber gerade in der Sehnsucht nach Musik steckt auch immer ein Funke Hoffnung, der sich neu entzündet! Nun freuen wir uns auf das große Feuer …

Selten wurde die Bedeutung von Kunst & Kultur für Menschen und Gesellschaft so häufig thematisiert wie in den letzten Monaten. Gerade mit Blick auf die neue Spielzeit 2020/2021 – worin sehen Sie die größte Bedeutung des Theaters, gerade im Kontext der Strategie einer Kultur- und Festspielstadt?

Ich glaube, die Menschen merken zunehmend, welche unverzichtbare Systemrelevanz Theater, Kunst und Kultur tatsächlich besitzen. Ein kulturloses Leben ist lediglich ein Überleben! Unsere »Festspielmeile der kurzen Wege« in Bad Elster ist ein wunderbarer Ort der Begegnung: Rund 260.000 Menschen aller Generationen aus nah und fern kommen bei uns jährlich zusammen, genießen, erleben und entdecken Kultur. Dort, im Zentrum der besonderen Erlebnisse, liegt die Bedeutung als unser kultureller Impuls! Gerade in den aktuell schwierigen Zeiten müssen wir daher dem Publikum ggf. auch in angepassten Formen ausdrucksstarke Angebote gestalten, die durch exzellente Bühnenkunst Lebensfreude und Leichtigkeit schenken oder zum Nachdenken bzw. Reflektieren anregen. Dafür sind wir da!

  • Immer ein offenes Ohr:
    Der Dirigent im König Albert Theater

Wenn Sie nun heute auf die prall gefüllte Spielzeit 2020/2021 mit über 200 verschiedenen Produktionen aller Genres schauen, Hand aufs Herz: Welchen Termin möchten Sie auf gar keinen Fall verschieben und warum?

Das coronabedingte Verschieben von rund 400 Veranstaltungen war wirklich ein organisatorischer Kraftakt, den wir als Chursachsen – auch dank dem sehr verständnisvollen Publikum – meines Erachtens wirklich gut bewältigt haben. Keineswegs ausfallen lassen möchte ich vor allem aus inhaltlichen Gründen einer auch symbolischen Einheit das Festkonzert der Chursächsischen Philharmonie zum 30. Tag der Deutschen Einheit in Kooperation mit dem Vogtlandkreis am 3. Oktober 2020. Aber auch ganz wichtig: Unsere Musical-Koproduktion mit dem Gymnasium Markneukirchen - hierauf haben die Beteiligten jahrelang hin gefiebert! Und ich persönlich möchte – nach Ausfall 2020 – endlich am 1. Mai 2021 unseren 25. Chursächsischen Sommer, mein erstes in Bad Elster gegründetes Festival, eröffnen ...

Die Rekordzahl von über 1.000 Abonnent*innen aus der näheren Region im Vierländereck Sachsen - Bayern - Böhmen - Thüringen zeigt deutlich, wie wichtig den Menschen hier das chursächsische Kulturerlebnis ist. Wie wichtig und »nah« ist Ihnen diese langjährige Stammkundschaft, vor allem als Intendant in Bad Elster?

Alle unsere Abonnent*innen sind mir besonders ans Herz gewachsen, schließlich haben wir anfangs bei null angefangen! So ist es mir als Dirigent eine besondere Ehre und Freude zugleich, unsere Symphoniekonzert- und Musiktheaterabonnent*innen auf unseren musikalischen »Entdecker-Weg« mit verschiedenen Solist*innen und Orchestermusiker*innen bzw. Werken aus aller Welt mitzunehmen und diese auch auf »abgelegenen Pfaden« von der jeweiligen Musik begeistern zu können. Dass wir im Segment unseres Familienabonnements mittlerweile die größten Zuwächse verzeichnen dürfen, das macht mich – ganz ehrlich – wirklich glücklich und stolz. Denn dies verdeutlicht nochmals ganz neu die Nähe unseres Angebots in der Lebenswirklichkeit bei den Menschen der Region.

Gestatten Sie uns zum Schluss noch eine persönliche Frage: Wenn Sie - warum auch immer - in nächster Zeit für einen Monat in Quarantäne müssten, welche drei Partituren möchten Sie dann unbedingt bei sich tragen? Und warum?

Bei meinem selbstgewählten, ziemlich rastlosen Arbeitsalltag habe ich wirklich des Öfteren auch einmal Sehnsucht nach einer »Auszeit« wie Quarantäne – natürlich vorausgesetzt, dass ich gesund bin und bliebe! Ein Monat für drei »bedeutende« Partituren ist nicht viel Zeit. Ich würde Partituren mitnehmen, die ich noch nicht dirigiert habe. Bruckners 5. Sinfonie ist auf jeden Fall dabei, ansonsten auch eine kompliziert komponierte, große Oper tschechischer oder russischer Herkunft. Da hat man dann die Ruhe, wirklich alle »Rätsel« zu lösen und endlos zu studieren. Aber Abwechslung müsste auch sein, vielleicht mit Bezug zu meinem Herzens-Kulturort - dann würde ich wohl die rassige Rossini-Oper »Die diebische Elster« auch bei mir tragen ☺ …

Herr GMD Merz, wir danken Ihnen für dieses Gespräch.